Krieg und Frieden in Helstorf

Wie ich Kriegs- und Nachkriegszeit in Helstorf erlebte

 

 

Ich hatte die „Gnade der späten Geburt“. Ich habe vom Krieg wenig mitbekommen. Während meine Mutter noch in der Landesfrauenklinik mit mir lag, fielen die ersten Bomben auf Hannover. Meine Kindheit habe ich in Helstorf an der Leine im heutigen Kreis Neustadt am Rübenberge verbracht.

 
Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir des Öfteren in einen Bunker mussten. Der war relativ einfach gebaut. Mit Holzpfählen war ein Hohlraum geschaffen worden, der mit Sand zugeschüttet wurde. Wenn wir in den Bunker gingen war es immer dunkel und am Himmel waren „Tannenbäume“ zu sehen, die als Orientierungszeichen für die Bomber vorher von anderen Flugzeugen abgeworfen wurden. Einmal landete eine Bombe im Wald auf dem Fuhrenkamp, ein anderes Mal traf eine Bombe einen Bauernhof im Nachbarort Mandelsloh. Es handelte sich in beiden Fällen um Bomben, die die englischen Bomber in Hannover nicht abwerfen konnten und die sie aber loswerden mussten – also nicht um gezielte Abwürfe.

Schöne Zeit mit Kindermädchen

Meine Mutter bildete junge Mädchen im Haushalt aus und so waren bei uns auch immer Kindermädchen, die auf mich aufpassten. Auch besuchte ich einen Kindergarten im Pfarrhaus. Mein Vater hatte einen Fotoapparat und so wurden wir Kinder viel fotografiert. Bei uns wohnte damals ein Lehrer namens Kokemüller, der ebenfalls viel fotografierte und unsere Bilder im gemeinsamen Badezimmer entwickelte. So habe ich heute noch große und schöne Fotos meiner Kinderjahre.

Papa wurde 1944 eingezogen

Mein Vater wurde Ende 1944 noch eingezogen; er war bis dahin „unabkömmlich“, weil er in der Spar- und Darlehenskasse für die Abwicklung der Ernteabgaben zuständig war, denn die Armee und auch die Bevölkerung musste ja ernährt werden. Als Vater unser Haus verließ, tobte ich noch auf dem Sofa bei Oma und Opa rum und flog so ungünstig gegen einen Heizkörper, dass ich eine große Wunde am Hinterkopf hatte, die noch abends genäht werden musste. Vater bekam eine Kurzausbildung auf der Insel Sylt zum Soldaten und wurde dann an der Ostfront eingesetzt. Er kam in Gefangenschaft und kehrte 1948 zurück. Ich wurde überwiegend von Oma und Opa großgezogen, lernte nur plattdeutsch und hatte eigentlich keine Probleme, denn zu essen gab es genug.

Sprengung der Leinebrücke

In den letzten Kriegstagen wurde noch die Leinebrücke zwischen Mandelsloh und Helstorf gesprengt. Der Grund war der, dass englische Truppen aus dem Westen kamen und von den zurückweichenden deutschen Truppen aufgehalten werden sollten. Während deutsche Pioniere die Sprengsätze an der Brücke anbrachten, beobachteten mein Bruder Horst und ich das Geschehen und hatten uns an der Böschung der Straße zur Leinebrücke versteckt. Die Hausbewohner wurden aufgefordert, die Fenster der Häuser zu öffnen – damit die erwartete Druckwelle praktisch durch die Häuser gehen sollte. Doch plötzlich vermisste unsere Mutter ihre beiden Kinder und kam aufgeregt in Richtung Leinebrücke gerannt, um uns nach Hause zu holen. Wir sammelten uns im Keller und warteten auf den Knall. Ein  leichtes Beben, die Leinebrücke lag im Wasser und wir konnten nicht mehr nach Mandelsloh zu unserem anderen Opa. Später rückten englische Pioniere an und bauten innerhalb weniger Stunden eine Militärbrücke aus Stahleinheiten. Die Engländer nahmen Helstorf ein. Zum Zeichen der Aufgabe wurde bei uns im Garten an der Fahnenstange, an der sonst die Hakenkreuzfahne gehisst wurde, ein weißes Bettlaken hochgezogen.

Tote „Kinder“ an der Aller

Wir konnten nicht mehr nach Mandelsloh zu Oma und Opa Laue. Oma Laue berichtete von 16 jährigen Kindern, die bewaffnet waren und den Feind noch besiegen wollten. Sie bekamen von Oma Laue noch etwas zu essen und zogen dann weiter in Richtung Schwarmstedt. Dort gruben sie sich in dem Wald nördlicher der Aller bei Essel ein und leisteten dem anrückenden Feind Widerstand. Sie fielen fast alle. Der Soldatenfriedhof an der Straße von Essel nach Hodenhagen erinnert an den sinnlosen Tod dieser jungen Menschen. Selbst der englische Captain Wilde war, so beschreibt es der Historiker Dr. Stephan Heinemann aus Walsrode, entsetzt und zeigte Mitleid, dass man diese jungen Menschen geopfert hatte. Im Gegensatz zu Helstorf waren die Kampfhandlungen im Bereich Essel und Rethem sehr intensiv und dauerten vom 7. April bis zum 15. April. Es gab viele Tote, allein die deutsche Wehrmacht, die mit unzureichend ausgebildeten Marinesoldaten und vorher schon erwähnten jungen Menschen dem englischen Feind entgegentrat, hatte über 200 Gefallene zu beklagen.

Gefangene aus Bergen-Belsen

Etwa 30 Kilometer nördlich von Helstorf entfernt befand sich das Konzentrationslager (KZ) Bergen-Belsen, später auch bekannt geworden durch das Tagebuch der Anne Frank. Anne Frank war ein jüdisches Mädchen und kam ursprünglich aus Frankfurt, später ist sie mit Ihrer Familie nach Holland geflüchtet, wurde dort verhaftet und nach Bergen-Belsen deportiert, wo sie ums Leben kam. Die Engländer befreiten die ehemaligen Lagerinsassen, darunter auch viele Russen. Diese genossen ihre Freiheit und machten sich in den Dörfern breit – auch in Helstorf. Wir beobachteten sie, wie sie noch in ihrer gestreiften Häftlingsbekleidung Schweine bei Kamps-Stünkel aus den Ställen holten, mit einer Sense töteten und auf offenen Feuer dort grillten. Auch auf dem Bauernhof Maas gab es noch russische Gefangene, die ihre Freiheit mit selbstgebrannten Schnaps feierten. Doch beim Selbstbrennen muss man aufpassen. Wenn der Brennprozess nicht richtig abläuft oder der Schnaps später nicht richtig verdünnt wird, dann entsteht giftiger Schnaps. So war es wohl auch. Zwei Russen starben nach dem Genuss des selbstgebrannten Schnapses.

Angriff auf einen Munitionszug in Lindwedel 

Ich besuchte mal wieder den Helstorfer Friedhof und auf dem Weg zum Urnengrab meines Bruders Horst fällt mir ein Grabstein auf mit der Inschrift „Durch den Fliegerangriff in Lindwedel wurde uns unser einziges Kind, unsere ganze Lebensfreude, entrissen: Magdalene Schöneberg aus Helstorf, geb. 30.01.1926, gef. 15.10.1944“. Es handelt sich um ein Erdbegräbnis der Familie Wilhelm und Helene Schöneberg. Das Erdbegräbnis wird heute immer noch gepflegt. Was hatte sich ereignet? Magdalene Schöneberg wollte von Hannover mit dem Zug zum Bahnhof Hope fahren. Während der Zug in Lindwedel stand, gab es einen Angriff englischer Flieger auf einen Güterzug, der nebenan auf dem Gleis stand und mit Munition und Torpedos beladen war. Es gab heftige Explosionen und in dem Personenzug wurden 400(!) Menschen getötet. Wie mir meine Mutter immer mal wieder erzählte, wurden die Leichen in den Scheunen der Bauern aufgebahrt und die Familien mussten ihre Angehörigen identifizieren. Was aber nicht immer möglich war. Eine große Anzahl der Toten wurde mit Ackerwagen nach Schwarmstedt gebracht und dort in einem Massengrab beerdigt. Heute erinnert eine Tafel am Kriegerdenkmal in Lindwedel an das Unglück, das in der damaligen Kriegszeit in der Öffentlichkeit verschwiegen wurde.

Flüchtlingsströme erreichen Helstorf

Der 2. Weltkrieg hat viel Leid über die Menschen in aller Welt gebracht. Millionen Soldaten sind gefallen, Millionen Menschen wurden umgebracht. Doch es gab während des Krieges noch andere Probleme, das waren die vielen Flüchtlinge, die aus dem Osten kamen und im Westen untergebracht werden mussten – auch in Helstorf. Die Flüchtlinge wurden zwangsweise in Häuser eingewiesen, da kam bei den Hausbesitzern nicht immer Freude auf. Während des Krieges war bei uns eine Familie aus dem Raum Düren untergebracht. Die „Rheinländer“ wurden wegen der dortigen Kriegshandlungen evakuiert und gingen nach Kriegsende auch wieder zurück. Dann kamen die Flüchtlinge aus dem Osten, teilweise noch mit Pferdegespannen. Bei uns wurde eine Familie Schwandt aus Ostpreußen einquartiert. Willi Schwandt war in der Kriegszeit in der Flugzeugindustrie tätig gewesen und ein begnadeter Techniker und Künstler. Er hatte Talente zu malen und zu schnitzen. So restaurierte er den Taufengel der Helstorfer Kirche und schnitze meinem Bruder Horst eine Ziehharmonika. Ostern bekam jeder von uns ein bemaltes Ei. Ein Ei, das meine Oma geschenkt bekam, haben wir heute noch. Schwandts hatten bei uns zwei kleine Zimmer, sie bauten Anfang der 50er Jahre in Wunstorf ein Haus und zogen dann um. Unter den Flüchtlingen waren auch zwei Ärzte. Dr. Hans-Günther Hensel, ein ehemaliger Militärarzt, praktizierte im Wohnzimmer des Bauernhauses von Franz Hemme. Dr. Werner Pankow, ein Zahnarzt, baute sich eine Holzbaracke im Garten des Kolonialwarenhändlers Franz Krone auf. Übrigens die Zahnbohrmaschine wurde mit den Füßen angetrieben. Die Familie Pankow hatte vier Töchter und die sechs Köpfige Familie wohnte bei Krones in nur einem Zimmer. Die vielen Flüchtlinge brachten „neues Blut“ nach Helstorf und integrierten sich in die Dorfgemeinschaft. Auch ich profitierte davon, meine Frau wurde 1945 im Warthegau (heute Polen) geboren und kam über Thüringen 1950 mit Ihrer Mutter nach Helstorf.

Das Leben ging weiter

Die Jahre nach Kriegsende, bis zur Einschulung 1948, die habe ich sehr intensiv erlebt. Eine kurze Aufzählung meiner Erinnerungen:

Es gab viele Familien ohne Väter. Die waren entweder gefallen oder noch in Kriegsgefangenschaft Einige Witwen orientierten sich neu und es gab viele „neue Papas“. Es gab auch neue Paare, die zusammenlebten, aber nicht verheiratet waren – aus Versorgungsgründen, weil beide eine Rente bezogen. Auch gab es Witwen die sich mit den englischen Besatzern anfreundeten.

Auf der Diele bei Kamps-Stünkel wurde jeden Sonnabend getanzt nach der hauseigenen Kapelle von Heinrich Stünkel. Nach den Entbehrungen der Kriegszeit hatte man „Nachholbedarf“.

Es wurde gehamstert, weil es in den zerbombten Städten nichts zu essen gab. Aus Hannover kamen Menschen nach Helstorf, um noch vorhandenen Wertgegenstände gegen Lebensmittel einzutauschen. So erwarben meine Eltern eine Briefmarkensammlung für meinen Bruder Horst – und damit Horst auf einmal „Briefmarkensammler“.

In Hannover war alles durch Bombenangriffe kaputt. Man konnte vom Bahnhof bis zur Marktkirche durchgucken. Die Post fuhr damals mit Elektroautos.

Flüchtlinge und Obdachlose trafen sich in Hannover am Ernst-August-Denkmal (unter dem Schwanz – wie es hieß), um ihre Arbeitskraft den Bauern anzubieten. 

Fleisch war begehrt. Aber, wer offiziell schlachtete, der musste das anmelden und einen Teil des Fleisches abgeben. Schwarzschlachtung war der Ausweg, das wurde nachts erledigt und wir Kinder durften das nicht wissen.

Es gab „Banden“, die nachts den Bauern die Schweine aus den Ställen holten und in den Leinewiesen schlachteten. Übrig blieben dann nur die Innereien und die Flomen (Fett).

Man hatte nicht viel zu essen, insbesondere war das bei den vielen Flüchtlingen der Fall. Wenn möglich, fütterte man Kaninchen, Gras und allerlei „Grünzeug“ gab es an den Straßenrändern. Wer die Möglichkeit hatte, einen Stall zu haben, der fütterte auch ein Schwein – vor allem mit häuslichen Abfällen.

Für mich endete die Nachkriegszeit mit der Einschulung. Die Lehrerin war auch eine Kriegswitwe. Sie wohnte mit Ihrem kleinen Sohn Georg bei „Eggers Rust“. Nicht alle Kinder hatten Schuhe. Auf dem Schulbild sind noch viele Kinder barfuß zu erkennen. Wie ich in die Schule kam, konnte ich noch kein „hochdeutsch“ sprechen und mein plattdeutsch wollte die Lehrerin nicht akzeptieren.

Papa zurück aus Kriegsgefangenschaft

Mein Vater kam 1948 aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück. Er hatte dort in einer Gärtnerei gearbeitet. Er wurde von Onkel Franz mit dem Fahrrad vom Hoper Bahnhof abgeholt. Zwischen Vesbeck und Helstorf sah ich meinen Vater zum ersten Mal wieder. Die Kriegsgefangenen wurden in England fair behandelt. Ab und zu gab es von Papa ein Paket aus England mit Sachen, die es bei uns nicht gab. Für mich begann eine neue Zeit. Ich war immer der Liebling meiner Großeltern gewesen und hatte nun wieder einen Papa. Vor allem legte mein Vater Wert darauf, dass ich auch hochdeutsch sprach. Mein Vater wurde 1948 Schützenkönig, eigentlich „Kegelkönig“, denn die Schützenscheibe wurde ausgekegelt, weil die Deutschen nach dem verlorenen Krieg keine Gewehre haben durften. Auf der Schützenscheibe, die heute noch vor meinem Elternhaus hängt, ist als Bild eine „9“, eine Kugel und ein Kegel im Eichenkranz zu sehen. Beim Annageln der Scheibe wurde Schnaps ausgeschenkt – und Schnaps war offiziell verboten. Es war natürlich „schwarzgebrannter“ Schnaps und die Folge war, weil wohl jemand meinen Vater „angeschissen“ hatte, eine Hausdurchsuchung und bei meiner Oma wurde tatsächlich Schnaps gefunden. Es war ein  Rest in einer Flasche. Meine Oma hatte mit dem Schnaps Wunden meines Opas desinfiziert. Pech gehabt, mein Vater musste eine Strafe bezahlen.

Resümee

Auch wenn ich im Krieg und in der Nachkriegszeit noch ein „kleiner Junge“ war, so hat mich diese Zeit doch geprägt. 

 

19. Mai 2020 – von Klaus Ridder