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Onkel Willi – das Universalgenie

 

 

Er war der schwerste Quickly-Fahrer der Welt, er verpasste den Helstorfern den bekannten „Kochtopfhaarschnitt“, er war Ziegelbrenner auf der Ziegelei, machte die Nachkriegskinder durch sein Spielzeug glücklich und drehte Zigarren. Es gab praktisch nichts, was Willi Wiegmann nicht konnte.Für jeden. Spaß war Onkel Willi, wie ich ihn nannte, zu haben.

 

„Kammerzauber“ und FKK

Ich hatte das Glück, fast in der Nachbarschaft von Onkel Willi zu wohnen und mit den Söhnen von Wiegmanns Erich und Heinz habe ich viel gespielt. Wiegmanns waren zu ihren Kindern sehr tolerant, davon profitierten natürlich auch die Spielkameraden. Wiegmanns Wohnküche war auch für mich ein Zuhause. Wir durften in der Küche basteln und schon mal einen Film mit einem Projektor, den wir selbst kurbeln mußten, im Wohnzimmer anschauen. Und wenn in der Nachbarschaft im Schlafzimmer von Else und Guschen (Gustav) Stünkel (das waren die Hausbesitzer) schon mal laute Liebesgeräusche zu hören waren, dann gab es die Anmerkung: „Da ist mal wieder Kammerzauber“.

 

Übrigens, in Stünkels Haus wohnte auch noch die Schwester von „Guschen“ Stünkel, man nannte sie „Kätchen und Fredchen“. Beide hatten in Hannover eine kleine Fabrik und stellten Schrauben her. Beide liebten es, nackend durch die Wiesen zu laufen – die fingen hinter Stünkels Haus an. Wir bekamen so den ersten Anschauungsunterricht, wie nackte Menschen aussehen, zumal es Sexualkundeunterricht oder irgendwelche Aufklärung durch die Eltern noch nicht gab.

 

Mit Heinz und Erich waren wir am Franzsee und ein Mann zeigte uns, was er so alles in der Hose hatte (man nennt das Exhibitionismus). Das war für mich recht interessant. Zu Hause habe ich davon nichts erzählt, so ein Thema war tabu. Erich und Heinz erzählten das Erlebnis zu Hause, sie waren ja diesbezüglich freier erzogen. Tante Anni war „entrüstet“ und erstattete Anzeige.

 

Nun wurde es für mich peinlich. Ich wurde von einer Kriminalbeamtin verhört und wusste noch nicht mal, wie das Ding da unten auf amtsdeutsch heißt. Sie sprach immer von „Geschlechtsteil“ und kürzte das im Bericht mit „GT“ ab – wieder was dazu gelernt.

 

Es gab dann eine Gerichtsverhandlung im Amtsgericht Neustadt und diesmal mussten wir die Geschichte einem Richter erzählen; er hieß Pupke. Das hat mir alles nicht so richtig gefallen, zumal meine Klassenkameraden und auch die Klassenlehrerin wissen wollten, was ich da im Gericht gemacht und gesagt habe.

 

Holzspielzeug

Der Krieg war vorüber, die Soldaten waren „arbeitslos“ und viele Menschen mussten sich neu orientieren, um zu überleben – so auch Willi Wiegmann.

 

Die Kaninchenzucht wurde weiter betrieben und es entstand die Idee, Spielzeug für die Kinder zu bauen – es gab ja nichts. Wiegmann‘s Küche war in der Vorweihnachtszeit und vor Ostern zur „Fabrikationshalle“ umfunktioniert. Geschi und ich haben noch heute eine Dampflok aus Holz und einen Holzosterhasen mit einer Eierkiepe auf dem Rücken. Die sechs Räder und der Schornstein wurden aus einem Besenstiel scheibenweise geschnitten und der Dampfkessel war ein Vierkantholz, das an den Enden abgerundet wurde. Bretter für den sonstigen Aufbau wurden aus Kistenbrettern geschnitten. Es war Weihnachten 1946 als ich die Lok bekam – eine riesige Freude.

 

Wiegmann‘s Willi baute Tabakpflanzen an und fertigte aus den Blättern Zigarren, sie wurden fein säuberlich gedreht. Mit Hilfe von Schablonen wurde die Größe bestimmt.

 

Fast alle Helstorfer trugen den Willi-Wiegmann-Einheitshaarschnitt. Oberhalb der Ohren, praktisch auf der Kopffläche, befanden sich noch die Haare, der Rest darunter wurde mit einem handbetätigten Haarschneideapparat weggeschnitten. Besonders gefragt war auch schon damals bei einigen Jugendlichen eine Glatze. Von dieser gab es auch die Luxusausfertigung „Glatze mit Anlasser“ – da blieben oberhalb der Stirn noch ein paar Haarbüschel stehen.

 

Wichtig beim Haareschneiden war auch die Kommunikationsbörse – so manches Dorfgespräch fand dort Verbreitung.

 

Onkel Willi kam aus Steinhagen

Onkel Willi war gebürtig aus Steinhagen in Westfalen, der Stadt, wo der berühmte Steinhäger, der Schnaps in den Tonflaschen, gebrannt wurde. Onkel Willi war Soldat auf dem Fliegerhorst in Wunstorf. Seine Frau, Tante Anni, war eine geborene Stuke und kam aus dem großen Stukeschen Bauernhof in Luttmersen.

 

Sie wohnten bei Guschen und Else Stünkel im Hof Nr. 7 und hatten dort 3 Zimmer und einen großen Kaninchenstall. Später zog die Familie Wiegmann in das Haus Mussmann um, direkt östlich von der Kirche gelegen. Bekannt war damals ein Affe, der in einem Käfig vor dem Haus lebte – aber auch schon mal im Auto mitfuhr.

 

Der Bruder von Onkel Willi war in einer der Schnapsbrennereien in Steinhagen Geschäftsführer und wenn er nach Helstorf kam, brachte er immer reichlich Schnaps mit. Schnaps wurde bekanntlich mehr getrunken als Bier.

 

Wir besuchten den Onkel von Erich und Heinz in Steinhagen schon mal mit dem Fahrrad – das ist eine Strecke von 110 km, landschaftlich war die Fahrt durch die Porta Westfalica reizvoll – aber hinter der Porta Westfalica fingen die Berge an und die waren mühsam zu erklimmen.

 

Viel Spaß mit Erich und Heinz

Wir hatten immer viel Spaß miteinander und ließen uns so manchen Streich einfallen.

 

Die Scheune von Stünkels war stark zerfallen und viele Bretter fehlten schon. Sie stand ganz dicht an der Zufahrt zur Leinebrücke.

 

Wir befestigten ein Portemonnaie an einem Faden und legten das Portemonnaie auf die Straße. Manch einer hielt an und erhoffte sich einen Geldsegen. Erst mal umschauen, ob das auch niemand beobachtete und dann erfolgte der Zugriff. Ätsch, das Portemonnaie war weg. Wir lauerten hinter der Scheunentür und spätestens beim Zugriff zogen wir das wertvolle Stück weg und freuten uns diebisch. Sogar der spätere Schwiegervater meines Bruders Jürgen, Herrmann Dangers aus Metel, erinnerte sich an die Sache, zumal er mich wohl erkannt hatte.

 

Ein anderer Trick war, einen Karton mit Kuhdung oder Kadaver eines Hasen zu füllen und den Karton auf die Straße zu legen. Wir beobachteten die Szene oben vom Heuboden der Scheune. Ein Lkw stoppte, der Fahrer schaute sich um und warf den Karton auf die Ladefläche. Weiter ging’s. Der wird sich gewundert haben.

 

Eine besondere Begebenheit mit dem Karton war folgende. Anna Böker und Tochter sahen den Karton und stiegen vom Fahrrad ab. Bökers waren wohl die ärmsten Menschen im damaligen Helstorf. Wir hörten, wie Mutter Anna zur Tochter Ilse sage: „Den hat wohl jemand vom Fahrrad verloren. Wir legen den Karton an die Seite. Da wird wohl der kommen, der ihn verloren hat.“ Also ehrliche arme Menschen.

 

Beide fuhren weiter und dann kam Else Maas, die Frau aus dem größten Helstorfer Bauernhof. Else Maas schaute sich um, ob sie beobachtet wurde und klemmte den Karton auf den Gepäckträger ihres Fahrrades. Schnell verließ sie den Ort.

 

Peinlich auch, dass der Karton einen toten Hasen enthielt und ihr Mann war Jagdpächter in Helstorf.

 

Fazit: Die ärmste Frau ließ den Karton liegen und die reichste nahm ihn mit – das gab uns auch zu denken.

 

Spiel mit dem Feuer

Es gab nach dem Krieg viele Manöver der englischen Besatzungsmacht und es wurde mit Platzpatronen geschossen und mit Übungsgranaten aus Bakalit geworfen. Wir klauten schon mal Platzpatronen und ließen sie in einem Feuer hochgehen. Einmal hatten Erich und Heinz sich auch Übungsgranaten besorgt. Der Knall und das Feuer waren so heftig, dass beide im Schwarmstedter Krankenhaus behandelt werden mussten. Schwere Verbrennungen im Gesicht. Ich fuhr zu ihnen ins Krankenhaus, das zwischen Schwarmstedt und Botmar im Wald an der Aller lag, um sie zu besuchen. Der Kopf war mit Binden so eingewickelt, dass man nur Augen und Mund sah.

 

Beide hatten überlebt! Das hielt uns aber nicht davon ab, weiter mit Munition zu „basteln“. So stellten wir Kanonenschläge mit Schießpulver, Patronen her oder auch Knallfrösche mit Löschpapier und Unkraut-Ex.

 

Auch „explosive“ Gegenstände mit Karbid, das wir im Flaschen oder Dosen füllten und mit Wasser begossen, waren interessante Versuche. Wenn alles in der Flasche/Dose war, wurde die Flasche verschlossen und die Reaktion begann. Rechtzeitig wegwerfen, das klappte meistens. Dann gab es den erhofften Knall.

 

Essen machte Spaß

Onkel Willi war wohl der schwerste Mann in Helstorf – vielleicht waren es 180 kg – oder auch mehr? Seine Sprüche rund ums Essen waren deftig.

 

Er fuhr ein NSU-Quickly-Moped, dessen Rahmen von Sohn Heinz immer mal wieder geschweißt werden musste, weil er brach. Treten konnte er die Pedale nicht mehr, das Moped wurde auf eine Anhöhe geschoben und mit einem Schubs ging es den Abhang hinunter, die Kupplung wurde losgelassen und der Zweitakter sprang an. In einem „Bilderdienst“ der Firma NSU wurde Onkel Willi mal als schwerster Quickly-Fahrer der Welt vorgestellt.

 

Der soziale Aufstieg vom Moped zum Auto führte zum Kauf einer BMW-Isetta. Man bezeichnete diese „Kleinstautos“ von BMW auch als „Schlaglochsuchgeräte“. Der Einstieg fand durch die Fronttür statt, die samt Lenkung aufgeklappt wurde. Es gab 2 Sitze, der Antrieb erfolgte durch einen 1-Zylinder-Motor im Heck.

 

Onkel Willi nahm zum Sitzen beide Sitzplätze ein!

 

Kiesgrube, Loren und Abenteuer

Hannover wurde in den Nachkriegsjahren wieder aufgebaut und Kies aus Helstorf war begehrt, zumal die Fa. Rudolf Rust am Wiederaufbau stark beteiligt war.

 

Onkel Willi betrieb die Kiesgrube, die am linken Leineufer lag, praktisch südlich der Leinebrückenrampe. Die Wiese gehörte Heinrich Stünkel (Kamps), die Rechte zum Abbau von Kies erwarb die Fa. Rust bei Heinrich Stünkel.

 

Der Abbau geschah mit Schaufeln. Zunächst wurde die etwa 1 m dicke Mutterbodenschicht abgegraben und dann der Kies in Feldloren geschaufelt.

 

Onkel Willi hatte 2 Mitarbeiter, Schauster-Günter‘ aus Helstorf und Griesmann aus Mandelsloh.

 

Wenn so etwa 4 Loren voll waren, wurden sie mit einer dieselgetriebenen Kleinlok auf eine Rampe gefahren, die direkt an der Mandelsloher Straße lag. Der Inhalt der Loren wurde in die darunter befindlichen Lkw gekippt und ab ging es nach Hannover.

 

Ab und zu wurden auch schon mal Urnen aus der germanischen Zeit gefunden (sie standen dann im Büro der Fa. Rust auf Schränken) oder auch schon mal ein fast versteinerter Eichenbaum. An den Ufern nisteten Uferschwalben in Löchern und später füllte Wasser die Kiesgrube und wir angelten schon mal oder fingen Fische mit der Hand im Schlamm. Über den großen Fischfang 1948 nach dem Rückgang des Leinehochwassers berichte ich an anderer Stelle.

 

Erwähnt werden sollte auch der Schuppen aus Holz, der als Unterkunft der Kühe diente und wo sich auch schon mal Liebespaare trafen. Schulleiter Knüpling soll dort auch schon mal mit einer Helstorferin gesehen worden sein.

 

Radtouren und Autos

Mit Erich habe ich 3 große Radtouren, an die Ost- und Nordsee und einmal bis nach Heidelberg und zum Nürburgring, unternommen und die Autofahrten mit Heinz waren auch nicht schlecht. Mehr dazu an anderer Stelle.

 

Fazit

Die Zeit mit Onkel Willi und Erich und Heinz war schön – manchmal aber auch gefährlich. Aber, die Gefahren haben wir damals ganz anders eingeschätzt.

Wiegmann

1 – Soldat

Willi Wiegmann war Soldat auf dem Fliegerhorst Wunstorf.

 

2 – Anni Wiegmann

Annie Wiegmann, die Mutter von Heinz und Erich, kam aus Luttmersen vom Bauernhof Stuke.

 

3 – Spielzeug aus Helstorf

In der Nachkriegszeit war Spielzeug von Willi Wiegmann gefragt. Eine Lok und einen Osterhasen besitzen wir noch heute.

 

4 – Quickly

Willi Wiegmann fuhr ein Quickly-Moped. Er war der „schwerste Quickly-Fahrer der Welt“. Immer wieder musste der Rahmen von Sohn Heinz geschweißt werden.

 

5 – Schlachtfest

Das Schwein musste bei „Onkel Willi“ fett und groß sein.

 

6 – Haus an der Kirche

Wiegmann’s zogen von Guschen Stünkel um in das Haus an der Kirche, wo vorher Mußmann’s (Pitsch) gewohnt hatten.

 

7 – Meyers Scheune

Wiegmanns wohnten bei Gustav Stünkel. In der Scheune vorn heckten wir so manchen Streich aus.

 

8 – Haarschneidemachine

Mit diesem Haarschneider wurde so mancher Helstorfer am Kopf „verunziert“.

 

9 – Dokumente

Willi Wiegmann musste nach dem Krieg so manche Arbeit annehmen. Hier ein Beschäftigungsausweis sowie eine Lohntüte.

 

10 – Affe

Wiegmanns hatten einen Affen, die Kinder in Helstorf hatten viel Spaß daran. Aber, der Affe war bissig.

 

11 – Autohaus Wiegmann

Bevor Heinz Wiegmann in Luttermesen ein Autohaus baute, war er in Helstorf zu Hause.